Irene Rothenfluh – ein Tanz durch das Leben

irene-rothenfluh_1_2008Kurz nach Neujahr 2010 starb Irene Rothenfluh im Alter von 67 Jahren in ihrer Wohnung in Baden. Mit Irene hat die Schweizer Tanzszene eine stille, aber unermüdliche Schafferin verloren. Während ihrer langen Karriere hat sie unzählige Schweizer Paare an die Spitze geführt, viele davon wurden zu Schweizermeistern. Ihre Leistungen hat sie selten in den Vordergrund gerückt, grosses Trara darum mochte sie nicht. Viel lieber hat sie sich auf Fakten konzentriert und ihre Paare zu konsequentem Erarbeiten von Fähigkeiten angespornt.

Ihr Leben war ein Tanz um viele Hindernisse

Als Irene Czarnowski wurde sie am 8. April 1943 mitten im zweiten Weltkrieg in Danzig geboren. Ihren Vater hatte sie nie gekannt. Zusammen mit ihrem Bruder Hubert ist sie einige Jahre im Kinderheim in Danzig aufgewachsen, während ihre Mutter in Essen (D) versucht hatte, Geld zu verdienen. Ihre Erinnerungen an das Kinderheim waren nicht die besten, sie hat nur selten darüber gesprochen. Offenbar wurde sie von ihrer Betreuerin oft gequält. Mit der Puppe, die alle Kinder des Heims zusammen als Weihnachtsgeschenk erhalten hatten, durfte sie nur während einer Woche spielen… Mit vierzehn Jahren konnte sie nach Essen zu ihrer Mutter ziehen und eine Ausbildung als kaufmännische Angestellte abschliessen. Schon als kleines Mädchen hatte sie davon geträumt, Balletttänzerin zu werden. Doch die Nachkriegszeit und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der alleinerziehenden Mutter erlaubten keine Tanzausbildung. Immerhin durfte sie in der Mädchenriege dabei sein und konnte dort die später so wichtige Beweglichkeit und das Bewegungsgefühl entwickeln. 1961 übersiedelte die Familie in die Schweiz. Fortan nannten sie sich Scharmer. Hubert konnte in der Tanzschule Alois Müller in Baden unterrichten und Irene bei einer Bank in Zürich arbeiten. Dort lernte sie auch ihre grosse Liebe Manuel „Mani“ Rothenfluh kennen. In diesen Jahren fand sie zusammen mit ihrem Bruder den Einstieg ins Turniertanzen in den Standard- und Lateinamerikanischen Tänze. Schon 1963 ertanzten sie sich den ersten Schweizermeistertitel der Gästeklasse und damit den Weg auf das internationale Parkett. Dank internationalen Trainern, die oft nach Baden kamen und die sie ebenso oft in England und Deutschland aufgesucht hatten, erreichten sie Halbfinalplätze an Welt- und Europameisterschaften. Als Hubert die Tanzschule von Alois Müller übernahm, begann auch Irene zu unterrichten.

irenehubert-stIm Sommer 1970 heiratete sie ihren Mani und bereits im August konnten sie ihren Sohn Richi empfangen. Mit einem perfekten Ehemann und der Grossmutter, die gleich über der Tanzschule wohnte, waren die Voraussetzungen gegeben, dass sie Familie, Unterricht und Turniertanz unter einen Hut bringen konnte. Neben dem Klassenunterricht spezialisierte sich Irene immer mehr zur engagierten Trainerin von Turnierpaaren. Mit ihrer grossen Fähigkeit Tanzpaare zu motivieren, ihrer Kreativität und ihrem hohen Anspruch an Qualität war sie bald eine schweizweit beliebte Spitzentrainerin. So hatte Irene zum Beispiel das Paar Daniela Dietrich und Viktor Berger in einem Schülerkurs entdeckt, mit riesigem Engagement trainiert und bereits 1976 zum Schweizermeister-Titel in den lateinamerikanischen Tänzen geführt. Auch nachdem diese ihren Trainingsschwerpunkt nach England gelegt hatten, hatte Irene die beiden weiter begleitet und eng betreut.

irenehubert-latBei der intensiven beruflichen Tätigkeit hatte sie immer auf Mani zählen können. Er unterstützte sie in allem und versuchte ihr den Weg frei zu halten, damit sie tanzen und unterrichten konnte. Ihre meist Sieben-Tage-Wochen wurden nur von jährlich zwei Auslandaufenthalten unterbrochen. Die Familie Rothenfluh reiste nämlich jeden Sommer für mindestens drei Wochen nach Cannes und jeden Frühling nach Blackpool. Dort fand sie nicht nur die tollsten Tanzwettkämpfe, sondern auch die grössten und abenteuerlichsten Achterbahnen. Sobald Irene die letzten Glitzersteine auf ihr Kleid geklebt hatte und ihre Turniere zu Ende waren, drängte es sie auf die wilden Bahnen und da war sie kaum mehr wegzubringen.

1984 hatte sich ihr Leben grundlegend geändert. Einerseits erlitt Mani einen Herzinfarkt und konnte von da an nicht mehr arbeiten. Andererseits hatte sie sich entschieden, sich beruflich von ihrem Bruder Hubert zu trennen, um mit Daniela und Viktor Berger, Hans-Jürg Forrer und Ursula Dietrich das Badener Tanzcentrum zu gründen. Dieser Entscheid hatte für Irene schwerwiegende Folgen. Die Familie Scharmer, die während vierzig Jahren eng verbunden war, sich durch Kriegsund Nachkriegszeiten hindurchkämpfte und eine Tanzschule gemeinsam führte, drohte auseinanderzubrechen. Erst nach fünf Jahren konnte sie die Beziehung zu ihrer Mutter bereinigen. Der Kontakt zum Bruder wurde bis heute nicht wieder hergestellt. Für Irene war es jedoch der richtige Schritt.

Die Gründung des Badener Tanzcentrums bestand als erstes im Umbauen der Lokalität an der Bruggerstrasse. Unermüdlich hatte Irene mit einer kleinen Migrossäge ganze Gipswände demontiert und am Tag der Eröffnung sämtliche Holzresten für den Abfall zersägt – leider auch den neuen Türrahmen, der noch hätte montiert werden sollen.

Irene war an allen Tätigkeiten, die mit dem Führen einer Tanzschule verbunden sind, interessiert, aber ihre Stärke lag vor allem in der Lehrtätigkeit. Im Saal war sie glücklich, und niemand konnte sie davon abhalten, bis zu elf Stunden pro Tag zu unterrichten. Alles, was mit Tanzen und dessen Weiterentwicklung verbunden war, hatte Irene ein Leben lang fasziniert. Sie war souveräne Moderatorin bei Grossanlässen wie Welt- und Europameisterschaften und als internationale Wertungsrichterin unterwegs. In der technischen Kommission des Schweizer Tanzlehrerverbandes Swissdance hatte sie die Aus- und Weiterbildung von Tanzlehrkräften mitgestaltet. Als Mitglied der Geschäftsleitung hatte Irene über zwanzig Jahre das Badener Tanzcentrum im Team geführt. Dies hatte oft auch bedeutet, Kompromisse einzugehen, mutige und unangenehme Entscheide zu fällen und sich den vielen neuen Situationen anzupassen. Das Ausscheiden des Gründungsmitgliedes Viktor Berger stellte für Irene eine besondere Herausforderung dar. Ihre Grosszügigkeit, ihre Toleranz und ihre menschliche Wärme halfen mit, diese schwierige Situation zu lösen und mit Ebi Baldt einen idealen neuen Geschäftspartner zu finden. Auch Mani gehörte zum Team des Badener Tanzcentrums und verbrachte viel Zeit in der Tanzschule. Er übernahm nicht nur administrative Aufgaben, er betreute auch die Kunden im Tanzcentrum. Nach seinem Tod hatte es Irene oft viel Mühe gekostet, innere Motivation und die Freude am Unterrichten zu finden. Damit hatte sie viele Jahre gekämpft, um dann im Herbst 2008 einen klaren Schlussstrich unter ihre Karriere als Tänzerin und Pädagogin zu setzen.

irene-rothenfluh_7_2008Nach dem Rückzug aus dem Badener Tanzcentrum wurde es ruhiger um Irene. Sie hatte sich zwar wöchentlich mit ihrer Freundin zum Schachspielen getroffen und auch Ausflüge wurden unternommen. Doch bei all den Tätigkeiten begleitete sie stets eine tiefe Trauer. In den letzten Jahren quälten sie auch immer häufiger gesundheitliche Probleme. Ein grosser Gewichtsverlust, undefinierbare Schlotteranfälle und Verdauungsschwierigkeiten bestimmten den Alltag. Am 3. Januar starb Irene. So wie sie nie grosses Aufsehen erregen wollte, ist sie in aller Stille verstorben.

Irene Rothenfluhs riesiges Engagement über die vielen Jahre war für unsere Tanzszene sehr bedeutend. Seit ihrem Zuzug in den 60er Jahren hatte sie sowohl als Tänzerin, wie auch als Trainerin und Tanzlehrerin grossen Einfluss auf die Weiterentwicklung des Schweizer Tanzsportes. Wer Irene Rothenfluh kennenlernen durfte wird sie nie vergessen.

Bericht von Daniela Berger, Richi Rothenfluh und Reinhard Egli

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